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Ich hab mir das folgende Buch ausgeliehen: "Das wahre Leben - Tagebücher aus der Stalinzeit" - war ne spontane Entscheidung. Es gibt viele Bücher über das Leben in der Nazizeit - eines was vermutlich jeder in der Schule hatte: Die Tagebücher der Anne Frank. Ich kann mich noch an ein Theaterstück dazu erinnern, aber viel mehr als sehr viel Hitler, 2. Weltkrieg, der Sonnenkönig Ludwig und ein bisschen DDR ist nicht vom Bulimie-Geschichtsunterricht hängengeblieben... leider - andererseits vielleicht auch besser..äh. Ich hab keine Erinnerungen daran, dass die "Stalinschen Säuberungen" bzw. der "Große Terror" ausführlich thematisiert worden - obwohl sie sich mit Hitler einen identischen Zeitraum teilten.

Ich dachte es lohnt sich mal ein Blick in das Leben der Menschen zu werfen, die unter dem "Großen Terror" Stalins gelebt haben bzw. wie sie ihn erlebt haben. An sich ist das Buch nicht so ergiebig gewesen wie ich ursprünglich annahm, weshalb ich nur zwei von den sechs enthaltenen Tagebüchern ausgewählt habe, die einen kritischeren Blick auf ihre Zeit hatten. Ja, auch zu der Zeit gab es Menschen, die bewusst oder unbewusst nichts mitbekamen oder mitbekommen wollten und Dinge komplett ausblendeten, weil sie vom System profitierten oder herrlich naiv waren... wie könnte es auch anders sein. Es kann sein, dass alles ein wenig zusammenhangslos erscheint. Das liegt zum einen an den Äußerungen der Protagonisten und zum anderen an meiner subjektiven Auswahl der Zitate - außerdem werde ich dazu meine mehr oder weniger qualifizierten Kommentare und Assoziationen abgeben - das ist Aufgabenstellung, die ich mir dazu selbst gestellt hab.

Die Anfertigung oder der Besitz von solchen Tagebüchern oder ähnlichen Aufzeichnungen war gefährlich - bei Hausdurchsuchungen galt das besondere Interesse der Staatssicherheitsorgane Tagebücher mit privaten Gedanken ausfindig zu machen. Ihr verweise ich mal auf meinen Text "Wie man Autokraten zuhört (ohne den Verstand zu verlieren)" - dann kann man sich ungefähr vorstellen, warum die Staatssicherheitsorgane ein besonderes Interesse daran hatten, Zeugnisse privaten Denkens und der Vergangenheit Herr zu werden.



Tagebücher von Andrej Arschilowski (1936-1937)

Die Tagebücher von Bauer Andrej Arschilowski (der hieß wirklich so) wurden als Vorwand benutzt um ihn "zum Höchstmaß" zu verurteilen (Neusprech für "zum Tode")


"Geistig sind sie erschreckend unreif - aber lernen Geometrie und Algebra! Und das sind unsere künftigen Ernährer!"

Weiß nicht wie es euch geht, aber ich musste spontan an die "Generation YouTube" denken, die zwar mit allerlei Technik umgehen kann, aber eigentlich zu blöd und naiv ist um Zusammenhänge zu erkennen - also dem selbstständig Denken entwöhnt ist. Für den Weg den wir als Gesellschaft eingeschlagen haben sind das an sich gute Voraussetzungen, für das Potential was wir als Gesellschaft hätten - eher nicht. Er bezieht sich übrigens auf seine Tochter, die ein Halstuch möchte um bei den Pionieren einzusteigen - als wenn das damals nur ein Kleidungsstück gewesen wäre.^^


"Und wenn ich in der Stadt bin, in der Masse herumhastender Menschen, dann denke ich immer das eine: Nur ein anständiger Krieg kann das Wachstum dieses Ameisenhaufens beenden. Sonst fressen wir uns noch gegenseitig"

So'n bisschen erinnert mich das an das Geistlose herumirren der Konsumsklaven. Zu der Zeit war man nur nicht damit beschäftigt sich um den nächsten Fernseher zu kloppen, sondern ganz banal um Nahrung. Im Grunde bewies der Bauer Arschilowski Weitsicht. Die Massen-Hungersnöte, die das Stalin-Regime un/absichtlich (darüber streiten Historiker) verursachte, brachte z.B. die Menschen dazu Kannibalen zu werden - Zeiten, in denen Menschen um ihr Überleben kämpfen fördern nicht gerade das Gute im Menschen zu Tage. Schon erschreckend das Arschilowski Krieg als Lösung sah, aber seit dem hat sich ja im Denken nicht viel geändert - wenn's Wirtschaftssystem am Abgrund steht oder der medial heraufbeschworene Feind vor der Tür - ist Krieg das Problemlösungstool schlechthin. Menschen ey.


"Doch dem kleinen Publizisten geht es eben schlechter als dem der unionsweiten Presse: Alle kennen dich und erkennen sich in deiner Kritik. [...] Man haßte mich, weil ich mich erkühnt hatte, über verbreitete Mängel zu spotten, begann in meiner Vergangenheit zu graben und hätte mich am liebsten gefressen. Es endete damit, daß die Lagerzeitung [...] sich gegen mich wandte: ein neuer Schreiberling tauchte auf und schrieb ganze zwei Feuilletons über mich persönlich. [...] Sie warfen mich raus. Man begegnete mir voller Mißtrauen und ließ mich lange nicht aus den Augen. [...] Doch materiell geriet ich in Bedrängnis: Mit meinen "Beziehungen" war es vorbei - sie wurden jetzt von anderen genutzt, während ich meine letzten Vorräte aufbrauchte. Die Zeitungskampagne gegen mich traf mich sehr, mir wurde das eine klar: Wir sind verdammt ein Leben lang, wie sehr du dich auch ändern willst - man glaubt dir nicht und hackt bei erster bester Gelegenheit auf dich ein und spuckt dich an. Diese Ritter der Revolution können einen so besudeln, sind so gemein und untereinander verschworen, daß sie noch ganz andere zugrunde richten als mich armen Sünder."

Unabhängige Medien hatten es damals schon schwer gegenüber der Übermacht der Systempresse. Jeder, der dem System ans Bein pisst, bekommt es mit den Gehirn gewaschenen zu tun, die dir nach dem Leben trachten (Ideologischer Gehorsam). Wir leben in einer Zeit, die nicht viel anders ist. Auch hier werden inzwischen Menschen mit abweichenden Meinungen bei ihren Arbeitgebern angeschwärzt, Shitstörme losgetreten, bedroht, eingeschüchtert etc. Prinzipiell hat eine Gesellschaft fertig, die bereits so weit ist. Man einigt sich unbewusst auf einen Konsens der auf Angst basiert. Angst davor genauso zu enden wie der/diejenige an dem/der das Exempel der Ausgrenzung statuiert wurde - ein Teufelskreis, der sich selbst aufrecht hält mit jedem der dieses System kritisiert bzw. die Angst davor reicht. Einmal als Systemkritiker entlarvt und du kommst nie wieder auf die Füße. In unserer Gesellschaft ist es so, dass niemand am Ende der Nahrungskette sein möchte, wo der erwerbslose Hartz IV-ler resignierend das Angstexempel mimt - die Angst vor dem unaufhaltsamen Abstieg sorgt dafür, dass man sich für einen Hungerlohn prostituiert. Bedenkt man in welchem System Arschilowski gelebt hat und in welchen wir jetzt leben, so große Unterschiede kann ich da nicht erkennen.


"Als ich ins Gericht kam, merkte ich, daß ich noch immer nicht gelernt habe, Kommunisten zu verstehen: Frei kamen die Diebe, die Mörder [...]; liebevoll und zuvorkommend waren sie zu Leuten, die veruntreut hatten; aber sowie es sich um § 58 handelte [die meisten Opfer der "Säuberungen" wurden danach verurteilt: Vaterlandsverrat, Spionage, Beziehungen zum Ausland, Sabotage, Terrorakte, antisowjetische Agitation und Propaganda, usw.], wurden die Gesichter der Richter und Staatsanwälte lang und der Vorsitzende warf nur kurz den vorgestanzten Satz hin: Abgelehnt, als der Klasse entfremdet. [...] Ich spürte sogleich, daß ich dem Lager nicht entrinnen konnte, nicht einmal nach Ablauf meiner Frist. Diese neue Form der Lüge, dieses abgestimmte Verhalten, wenn es darum geht, einen Menschen zu vernichten, schlug mir so aufs Gemüt, daß mein Gesicht verfiel und ich schlagartig um Jahre alterte. Aber das ist auch ganz natürlich: Sie spüren die Wahrheit und können uns unseren Protest gegen die Gewalt nicht verzeihen..."

Eigentlich kein Wunder, dass Diebe und Mörder frei kamen, konnte man den Leuten dann erzählen, dass sie noch mehr von ihrer Pseudo-"Freiheit" aufgeben müssten um mehr Sicherheit zu erlangen. Mit Diebe, Mörder usw. könnte man auch die politische Kaste von heute gleichsetzen - dank Immunität kommen die, egal was sie tun, immer mit einem blauen Auge davon. Der letzte Satz erinnert mich an ein Zitat von Lobaczeweski: "Unterbewußte Faktoren übernehmen eine entscheidende Rolle im Leben. Solch eine Gesellschaft, die bereits vom hysteroiden Zustand befallen ist, betrachtet jegliche Wahrnehmung der unbequemen Wahrheit als Anzeichen von 'Schlechtheit'." Jeder, der die Wahrheit spricht ist gefährlich fürs System, die Lügen halten es in Balance. Die politische Korrektheit ist nicht ohne Grund wieder da, sie verhindert die Artikulation der Wahrheit - soweit, dass es nicht mehr möglich ist aus Versehen die Wahrheit zu sprechen.  


"Ihre Interessen sind begrenzt: Gehen über Karriere und Kleidung nicht hinaus"

Witzig, dabei musste ich an Claudia Roth denken.^^ Die kann ja eigentlich gar nichts außer ihren grottigen Kleidungsstil zu pflegen und die Bundestagsbank zu drücken, also "Karriere" machen. Wie auch immer, es ist ein schönes Bild für unsere narzisstische und egoistische Gesellschaft. Nach Lobaczewski ist die Fokussierung auf "Karriere und Kleidung", also oberflächlichen Werten, immer eine der Voraussetzung um die Weltsicht einzuschränken und einfache Erklärungsmodelle zu akzeptieren und wohin das führt, zeigt ein Blick in die Geschichte allzu anschaulich - und auch unsere Gesellschaft ist bereits wieder auf den Weg genau diese Fehler zu wiederholen. Feindbilder werden derzeit bis zur Bedeutungslosigkeit hinreichend kultiviert, z.B. Jede(r), der von der Mainstreammeinung abweicht, ist Nazi [oder andere Diffamierungskeule einsetzen] und Nazis muss man "zerstören", also z.B. bei ihren Arbeitgebern anschwärzen, die Familie bedrohen, etc.


"Vom Lager will ich nicht weiter erzählen: Man lebt dort genauso glücklich wie in der Freiheit; einige sind satt bis zum Überdruß, andere sind "am Ende". Nichts als Ausbeutung und Diebstahl."

Komisch, wir befinden uns im Stalinismus, welcher dem Marxismus-Leninismus untergeordnet ist und quasi zum Kommunismus gehört und der Andrej spricht von Ausbeutung und Diebstahl - als wäre man im sogenannten Neoliberalismus oder Kapitalismus. Wenn du mit den richtigen Leuten "schläfst", lebst du im Überfluss und der Rest nagt am Hungertuch. Man gibt sich ja seit Jahren die allergrößte Mühe den Mittelstand an die Armutsgrenze zu drücken um eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu erhalten. Hartz IV war dahingehend ein logischer Schritt. Es sorgt dafür, dass die Menschen, die aus dem Mittelstand gefallen sind nach noch mehr Staat rufen - also nach noch mehr Unterdrückung und dem Ruf kommt der Staat natürlich gerne nach und -ZACK- wachste in einer Diktatur auf. 


"Für Plakate und Losungen wird einiges an Mitteln verschwendet; wozu auch sparen! Dabei ist das alles doch nur Flitterkram."

Besser könnte ich Wahlk(r)ampf nicht zusammenfassen. Gibt aber heutzutage Menschen, die sich für gebildet halten und Wahlen wichtig nehmen. Nehmt euch verdammt nochmal ein Beispiel an Arschilowski - he knows best.^^


"Die Leute haben sich in den Jahren der gemeinsamen Arbeit beschnuppert, da hat sich bei ihnen Vetternwirtschaft eingeschlichen wie eine Schmeichelkatze, und so eine Eiterbeule aufschneiden - da muß man schon von allen guten Geistern verlassen sein."

Ich lass das einfach mal so stehen, weil es so anschaulich die Zeit illustriert.


"Die Zeitungen widmen übrigens der Chronik der Ereignisse nur wenig Aufmerksamkeit, man hat den Eindruck, als ob das Leben nach festem Reglement verläuft, ohne alle Vorfälle. In Wahrheit ist das natürlich nicht so. Schon die ganze Revolutionszeit über ist das Leben generell in der Tagespresse kaum beleuchtet worden, oder doch nur die eine Seite."

Ist heute nicht viel anders. Es wird eigentlich nur das und so berichtet was und wie es in die Agenda passt. Wie oft werden Dinge in der Presse verdreht, verkürzt oder gar nicht dargestellt, nur um ein bestimmtes Bild zu bedienen oder bestimmte Reaktionen in der Bevölkerung auszulösen?


"Wohlstand werden wir noch lange nicht kennenlernen; der Stempel der Einschüchterung wird erst verschwinden, wenn man ihn mit Fett abwäscht. Ich meine es buchstäblich: Gib den Menschen gutes Essen, ein sauberes weiches Bett, bequeme und hübsche Kleidung - und alles läuft anders. Aber wann wird das sein? Vielleicht nie."

"Nie" trifft es im Kommunismus/Sozialismus gut, es sei denn man gehört zur herrschenden Klasse (jetzt quatsch ich auch schon so) - der Rest lebt in Armut. Aber ansonsten hat Arschilowski gut erkannt, das Grundbedürfnisse erfüllt sein müssen - damit sich die Menschheit entwickeln kann. Das das nicht gewollt ist, steht auf einen anderen Blatt. 


"Der Winter ist jetzt richtig in Gang gekommen, und alles Gerede von einer Klimaveränderung ist Unsinn. So war es auch schon vor hundert Jahren."

Damals war es also Klimaerwärmung.^^ In den 70er Jahren grassierte die Angst vor einer Klimaabkühlung und seit den 90er Jahren ist es wieder Klimaerwärmung. Manche Dinge ändern sich nie.^^


"Sie schwimmen auf den Eisschollen am Nordpol, bekommen außerordentliche Zulagen, fliegen zurück, das dumme Volk überschüttet sie mit Blumen, und als Resultat muß der Staat seinen Ausgabeplan für wissenschaftliche Entdeckungen erhöhen und ein bis zwei Kopeken von armen fluguntüchtigen Teufel draufschlagen. Was hat man vom Schwimmen auf dicken Eisschollen am Nordpol? Meiner Ansicht nach nichts. Aber es wird geprahlt, jede Menge Fotos, bedeutende Leute in der Zeitung! Na ja, sollen sie ihren Spaß haben."

Dazu hab ich ein Bild gefunden.^^

Angela und Sigmar beim Gletscherglotzen - and the Gletscher glotzt back.^^


Tagebuch von Ljubow Wassiljewna Schaporina


"Übelkeit steigt in mir auf, wenn ich gleichmütig erzählen höre: Der ist erschossen, jener erschossen, erschossen, erschossen. Dies Wort liegt immer in der Luft, schwingt in der Luft. Die Menschen sprechen es vollkommen ruhig aus, als wollten sie sagen: "Er ging ins Theater." Ich glaube, die wirkliche Bedeutung kommt uns gar nicht mehr zu Bewußtsein - wir hören nur noch den Klang. Wir können uns diese unter Kugeln sterbenden Menschen gar nicht mehr vorstellen." [...] Unser Bewußtsein ist so abgestumpft, daß die Eindrücke darüber hinweggleiten wie über eine lackierte Oberfläche. Daß wir eine ganz Nacht lang hören können, wie lebendige und vermutlich unschuldige Menschen erschossen werden - und nicht den Verstand verlieren. Danach wieder einschlafen, weiterschlafen, als wäre nichts geschehen. Entsetzlich."

Die Abgestumpfheit ist die größte Challenge für diese empathielose Gesellschaft und gerade die derzeitigen Entwicklungen tragen nicht gerade dazu bei, dass sich das ändert. Das Wiederholen von solchen Meldungen macht uns passiv und drängt uns in eine Opferrolle. Psychologen nennen das "erlernte Hilflosigkeit". Man könnte das auch als Grund angeben, warum gegen faschistoide Systeme niemand was unternommen hat - diese Frage wird hinterher immer recht häufig gestellt. Leute, die abgestumpft sind, aufgegeben haben, ohnmächtig sind, weil sie nichts tun können, kannste nicht dazu bringen das sie was unternehmen. Für solche Systeme ist das immer vom Vorteil - keine Opposition, niemand der sich wehrt gegen die Unterdrückung. Guckt man sich News an, was ich nicht empfehlen würde, merkt man das es im Grunde ein Konglomerat aus Wiederholungen ist zu Themen, die mitunter schrecklich sind und gegen die man nichts unternehmen kann.


"Ich kam in die Kabine, wo ich angeblich den Wahlschein zu lesen hatte und meinen Kandidaten für den Obersten Sowjet auswählen sollte - auswählen heißt doch, eine Wahl haben. Wir hatten einen einzigen, im voraus angekreuzten Namen. In der Kabine bekam ich einen Lachanfall wie in der Kindheit und konnte nur mühsam die Fassung zurückgewinnen."

Das nenn ich mal konsequent, einfach schon vorher bestimmen wer die Wahl gewinnt. Aber hey, dass ist heutzutage nicht viel anders. Das mit der Wahlfälschung läuft heute subtiler: Ausgewählte Spieler, bei denen es faktisch egal ist wen man wählt, manipulierte Wahlautomaten in Amerika, ideologisch verpeilte Auszähler bei Kommunalwahlen etc. Wahlen - eine einzige Farce - schon immer.


"Immer und zu allen Zeiten haben die Menschen um die Macht gekämpft, Staatsstreiche angezettelt. Robespierre rottete alle Andersdenkenden aus - aber noch niemals auf der Welt waren diese sich bekämpfenden Parteien daraus aus, ihre Heimat zu zerstören. Im Laufe von zwanzig Jahren haben unsere Regierungsmitglieder Hunger, Seuchen und Viehsterben heraufbeschworen, haben das Land en gros und en detail verkauft. Und die Inquisition Jagodas. Schlimm genug, was wir in den Zeitungen lesen. Und erst, was nicht in den Zeitungen steht."

"Sich bekämpfenden Parteien" - Teile und Herrsche ;) Was man hier ab schön raus lesen kann, dass in ihrer Wahrnehmung die Regierungkaste Schuld an Hunger, Seuchen & Co. ist - sprich entweder durch Kalkül (ideologisch begründet) oder Unfähigkeit. Ist heute nicht viel anders... jede weitere Wahl hievt einen machtbesessenen Psychopathen in ein hohes Amt, der alles nur noch schlimmer macht als sein Vorgänger - aber so ist nun mal dieses System. Aber trotzdem immer wieder interessant, dass Zeitungen damals ebenso wenig wahrheitsgetreu berichten wie heute unsere Massenmedien.


"Krylow redete [...] Er sagte folgendes: In der Welt herrscht ein Wettkampf zweier Systeme - ein Wettkampf, aus dem wir als Sieger hervorgegangen sind. Bei uns gibt es eine "gewaltige anwachsende" (so sagte er wirklich) ökonomische Entwicklung, bei ihnen den Niedergang. Wir Bolschewiki sind die einzige Partei der Welt, die das ganze Volk in den Zustand des Wohlstands geführt hat, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo jeder nach seinen Bedürfnissen befriedigt wird. Das heißt, die Zeit des vollständigen Triumphes des Kommunismus. Doch vorläufig bin ich überhaupt nicht erstaunt, wenn ich erfahre, daß unsere gesamten Textilien und unsere Rohstoffe über Polen nach Deutschland gehen."

Deutschland ist Exportweltmeister - so hört man seit Jahren, wenn es nicht gerade mal wieder China ist. Soll heißen: Die Werte werden hier geschaffen und dann in aller Welt gegen wertloses Papier eingetauscht - aber uns geht es gut und wir sind "frei"... Wohlstand schafft man nicht, in dem man es ins Ausland transferiert. Bedenkt man in welchem Wirtschaftssystem wir aktuell leben und in welchem System Schaporina/Arschilowski gelebt haben ist der Unterschied nicht besonders groß zu jetzt und dabei sind es doch zwei so angeblich konträre Systeme. 


"Ich kann es einfach nicht mehr ertragen. Welche Gemeinheit und Niedertracht überall, Intrigen, Ränke, Schmutz, Spießer - es wir einem schlecht davon. [...] Mir kommt es vor, als wäre der Körper Rußlands mit eitrigen Geschwüren bedeckt - überall Unordnung, Mißwirtschaft, Schädlingstätigkeit, Ränke, Denunziationen. Alle sind mit kleinen und großen Gemeinheiten beschäftigt, die man seinen Nachbarn antun muß - vor all diesen Bäumen und Spänen sieht man den Wald nicht mehr, nichts Lichtes, Heiliges, auch nicht Rußland. Ich schaue mir die Gesichter der Leute an, die in kilometerlangen Schlangen stehen, stumpf, verbissen, ohne jeden Gedanken, ausgemergelt. Sie, diese Leute, können Stunden, Tage, mehrere Tage in der Warteschlange stehen, ihre Geduld kennt keine Grenzen. Das ist schon keine Geduld mehr, sondern Abgestumpftheit [...] Nein, das ist Autosuggestion, die alles übrige abtötet. Denunzieren, Gemeinheiten verüben, den Nachbarn vernichten, sich bei dem und jenem einschmeicheln ist eine Wahnidee. Es gibt ja überhaupt keine Interessen mehr."

Soweit sind wir, in meiner Wahrnehmung, noch nicht bzw. wieder... aber als Gesellschaft sind wir auf den besten Weg dahin. Das Denunzieren kommt langsam in Trend, Schlange stehen (noch) nicht, die Menschen sind abgestumpft - ja, vermutlich zu viel Konsum von seichten Inhalten, der die Menschen und diese einfachen Denkmuster ermöglichen es erst einfache Feindbilder zu akzeptieren.

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You
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Edge Of Mind
Edge Of Mind ·  
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Ziemlich interessant... man liest und nickt kontiniuerlich und fragt sich, wie all das nur 70 Jahre her sein kann... und dennoch, über allem schwebt die Erkenntnis, dass es der Mensch selbst ist, der den Menschen macht; ihn vernichtet; ihn erschafft; ihn frisst und dann wieder ausscheisst, als wäre er nur ein Stück Schlachtvieh... Der Mensch ist des Menschen Wolf und darin liegt wohl der Geburtsfehler einer ganzen Rasse. Wann immer wir auf den Menschen treffen, treffen wir auf das Gute und das Schlechte - nur hat nicht nur das Schlechte eine ebensolche Angewohnheit. Das Gute ist Schuld daran, sich der Situation vorschnell zu beugen und das Schlechte ist von Natur aus darauf geeicht, diese Situation auszunutzen. Der Stalin nutzte die Vorstellung von Gewalt und die Menschen beugten nicht nur sich, sondern eben auch ihre Mitmenschen. Frage ich mich heute also, warum die Dinge im Argen liegen, habe ich es mit einer rhetorischen Frage zu tun, deren Antwort ich bereits kenne. Die Wenigen, deren innerer Kompass sich nicht sofort abnutzt und den Weg zur Wahrheit, zur Empathie und zum Mitgefühl zeigt... wer sind diese Menschen schon... ja wer sind wir schon? Wer sind wir, anzunehmen, dass wir für die 99% andere entscheiden könnten, dass sie in einem System leben, dass so nicht gerecht oder lebenswert sei? Sie wollen es doch so - sie können sich schließlich einnisten in einer Fabelwelt aus Brot und Spiel. Die Wenigen müssen zusehen ... auch wenn Ihnen das immergleiche Brot und dieselben Spiele nicht zusagen und sie sich in der Welt der Anderen langweilen... ABER - die Wenigen sind auch Menschen und ihr innerer Kompass verlangt ein Wort, ein Ruf nach Veränderung - ein Schrei nach Freiheit ebenso stark wie Frodos Ring nach seinem Herren. Diese Menschen, die uns Einblicke in Ihre Welt und ihre Tagebücher gaben, sind wie wir - sie sind dabei verrückt geworden, haben sich kaputt geschuftet oder sind elendig verreckt - Ihnen schuldet man es und unseren Kindern. Sie starben für uns in einem immerwährenden Kampf der Menschen für eine bessere Zukunft...